Einige Persönlichkeiten aus der Geschichte unseres Verbandes in zeitlicher Reihenfolge.

Hinrich Hieronymus Sommer (1804-1861)

Am 22. März 1804 wird Hinrich Hieronymus Sommer als erster Sohn eines Schuhmachers in Husum geboren. Die Laufbahn des Handwerkers ist für ihn vorgezeichnet: Er geht erst bei seinem Vater, dann bei seinem Großvater in die Lehre, bevor er die Heimat als Schustergeselle verlässt. Doch nicht nur Stiefel und Schuhe und deren Träger beschäftigen ihn, er ist auch den „schönen Künsten“ nicht abgeneigt: Das Theater lockt – wie überhaupt die Welt der Sinne und der Poesie.

Hier zwingt Sommer sich allerdings zur Zurückhaltung: Sinnliche Vergnügungen aller Art scheinen ihm unvereinbar mit dem gottgefälligen Leben, nach dem er sich seit seiner Konfirmandenzeit sehnt. Dass nicht die Moral, sondern nur der Glaube an Jesus Christus eine heile und gute Beziehung zu Gott ermöglicht, entdeckt Sommer erst im Juni 1827. Seitdem ist er unermüdlich in Bewegung, diese Einsicht für sich selbst zu vertiefen und für andere begreiflich zu machen.

Auch über Schleswig-Holstein hinaus pflegt er Kontakte zu Gleichgesinnten und zählt 1857 zu den Gründern des „Vereins für Innere Mission“. Der Verein beruft ihn 1860 zum ersten fest angestellten „Sendboten“: Sommer zieht durch das ganze Land, besucht in zehn Monaten 131 Orte, predigt und hält Vorträge. Doch die Strapazen der Reisetätigkeit zehren an seiner ohnehin schwachen Gesundheit: Ende 1861 stirbt Sommer in seiner Heimatstadt.

Jasper Baron von Oertzen (1833-1893)

Als Sohn des mecklenburgischen Ministerpräsidenten wird Jasper von Oertzen am 10. August 1833 in Rostock geboren. Seine vornehme Herkunft hindert ihn nicht, ein schwer erziehbares Kind zu sein. Die Familie versucht manches, um dem Sorgenkind eine solide Bildung zu verschaffen. Doch letztlich bleibt ihm nur der Eintritt in die österreichische Armee, wo Zeugnisse und Schulabschlüsse zweitrangig sind.

Nach wenigen Jahren zwingt eine Lungenkrankheit den jungen Offizier, sich beruflich zu verändern. Baron von Oertzen betätigt sich etwas halbherzig als Landwirt auf einem Gut, das der Vater für ihn kauft – bis er Johann Hinrich Wichern kennen lernt. Der entdeckt die menschenfreundlichen Qualitäten des Adligen und gewinnt ihn als Diakon und Hausvater für das Rauhe Haus in Hamburg. Dort arbeitet von Oertzen mit viel Liebe und Geschick unter Jugendlichen, die ähnlich schwer zu erziehen sind wie seinerzeit er selbst. Dem Baron liegen – wie seinem Förderer Wichern – die Menschen und die Innere Mission ebenso am Herzen wie die Beheimatung in der lutherischen Kirche.

Beides qualifiziert ihn für die Leitung des Gemeinschaftsvereins. Von 1875 bis zu seinem Tod am 14. November 1893 ist er dessen Vorsitzender.

Gustav Ihloff (1854-1938)

Sein Leben hätte ruhiger verlaufen können, und so ist es von Gustav Ihloff zunächst auch gedacht: Ihloff, am 3. August 1854 im brandenburgischen Templin geboren, möchte sich eine gesicherte Existenz aufbauen und wird zu diesem Zweck Beamter im Postdienst.

Doch die Karriere verläuft unerwartet anders: Ihloffs Verlobte findet zum Glauben an Jesus Christus, er selbst ist davon nachhaltig beeindruckt und wird ebenfalls aktiver Christ. Schon bald hat dies Konsequenzen für Ihloffs Laufbahn; denn 1880 zieht der ehemalige Postbeamte von Berlin nach Segeberg und ist dort als Sendbote tätig.

Jasper von Oertzen erkennt das theologische Potenzial und das organisatorische Geschick seines Mitarbeiters. Er holt Ihloff 1882 als Vereinssekretär nach Neumünster. Dort trägt Gustav Ihloff vielfältig Verantwortung für die Geschicke des Vereins:

Ihloff gilt als eigentlicher Gründer der Gemeinschaft Neumünster, wird 1892 Verleger in der Vereinsbuchhandlung und gibt mehrere Zeitschriften heraus. Zugleich ist er ab 1907 Inspektor des Vereins und wird 1914 in Personalunion auch dessen Vorsitzender. Dass er 1915 völlig erblindet, nachdem in kürzester Zeit drei seiner Söhne im Krieg gefallen sind, hält ihn nicht davon ab, seine Ämter und Aufgaben auszufüllen. Erst 1923 kann er das Inspektorat abgeben, 1934 – im Alter von fast 80 Jahren – auch den Vorsitz.

Ihloff stirbt hochbetagt am 26. Juni 1938 in Neumünster.

Johannes Röschmann (1862-1901)

Grobschmied ist der Vater, und zwar in Dithmarschen, einem Landstrich, der sich seiner eher robusten Zärtlichkeit rühmt. Trotzdem muss Johannes Röschmann, geboren am 12. Oktober 1862, auf Feingefühl und Verständnis im Elternhaus offenbar nicht verzichten. Als es nämlich um die Zukunft des Sprösslings geht, verkauft der Vater seine Schmiede und zieht mit der Familie nach Plön: Röschmann junior soll dort das Gymnasium besuchen können.

Nach dem Abitur absolviert Röschmann ein Theologiestudium in Kiel und Erlangen. Anschließend wird ihm eine Pfarrstelle in Itzehoe übertragen. Hier und von hier aus pflegt Johannes Röschmann einen engen Kontakt zum Gemeinschaftsverein, lernt dessen Vorsitzenden Jasper Baron von Oertzen kennen und wird 1891 erster Inspektor in der Vereinsgeschichte.

Auf Röschmanns Anregung wird die Vereinsbuchhandlung gegründet und auch ein eigenes Gesangbuch bringt er gemeinsam mit dem Verlagsleiter Gustav Ihloff auf den Markt: Die „Reichslieder“ sind über Jahrzehnte das gefragteste Liederbuch in der deutschen Gemeinschaftsbewegung.

1893 übernimmt Röschmann eine neue Aufgabe in Hamburg. In den wenigen Jahren bis zu seinem frühen Tod 1901 baut er dort eine beachtliche Gemeinschaftsarbeit auf. Diese bringt unter anderem das stattliche Vereinshaus am Holstenwall sowie das Krankenhaus „Elim“ hervor.

Johannes Witt (1862-1934)

Über die Wirksamkeit von Johannes Witt als zweitem Inspektor im „Verein für Innere Mission“ ist verhältnismäßig wenig überliefert. 1862 in Paris geboren, ist er der älteste Sohn des Glückstädter Lehrers Heinrich Witt und wird zunächst Pastor in Kaltenkirchen. Zeitweise lebt am selben Ort auch seine Schwester mit ihrem Ehemann Johannes Röschmann – Witts Kollege, mit dem er manches Projekt im kirchlichen Dienst vorantreibt.

1893 übernimmt Witt in Hamburg von seinem Schwager das Amt des Inspektors. Im selben Jahr heiratet er eine vermögende Frau und zieht 1895 nach Kiel. Dort gründet er im darauf folgenden Jahr die „Kieler Mission“ als deutschen Zweig von Hudson Taylors „China-Inland-Mission“ und wirkt in der örtlichen Gemeinschaft nach dem Bau des Ev. Missionshauses als „Gemeinschaftspastor“. In der Folge kommt es jedoch im Gemeinschaftsverein zu zunehmenden Missstimmungen über seine Person. Auch distanziert sich Witt mehr und mehr von der evangelischen Landeskirche. 1899 legt er das Amt des Inspektors nieder. Bis 1904 ist er daraufhin als Missionsleiter in China tätig, kommt dann aber zurück nach Kiel. 1905 spaltet sich die Kieler Gemeinschaft. Witt leitet nun „seine“ Kieler Gemeinschaft – später von Hamburg aus – bis zu seinem Tode im Jahr 1934. Die „Kieler China-Mission“ führt er als Privatmission bis 1921 weiter. Dann wird diese an die Breklumer Mission verkauft.

Andreas Graf von Bernstorff (1844-1907)

Am 20. Mai 1844 wird Andreas Graf von Bernstorff in eine Diplomatenfamilie hineingeboren. Sein Vater vertritt den preußischen Staat mit großem Geschick in München, Neapel und London, und auch der Junior strebt zunächst die diplomatische Laufbahn an. Der Auftakt in Washington missglückt aber, weil der junge Botschaftsmitarbeiter über Fragen seines Glaubens nicht sehr diplomatisch redet und folglich etwas zu viel Aufsehen erregt. Von Bernstorff ist daraufhin einige Jahre Landrat in Ratzeburg, bevor man ihn ins Kultusministerium nach Berlin beruft. Dort ist das kirchliche Bauwesen sein Ressort.

Als von Bernstorff 1894 ehrenamtlicher Vorsitzender der Gemeinschaften in Schleswig-Holstein wird, sind ihm auch dort die Baufragen wichtig. Er legt großen Wert darauf, den Verein in eigenen Häusern zu beheimaten und hat viel Freude daran, fast jedes Jahr ein neues Gemeinschaftshaus zu eröffnen. Daneben kümmert sich der gelernte Jurist intensiv um die rechtliche Organisation des Vereins. Dank seiner weitreichenden Beziehungen bahnt er für den Verein die Eintragung ins Vereinsregister an. Wenige Monate nach von Bernstorffs Tod 1907 wird der Verein offiziell rechtsfähig.

Hans-Werner Freiherr von Tiele-Winckler (1865-1914)

„La Dolce Vita“, das süße Leben hätte es sein können: Hans-Werner Freiherr von Tiele-Winckler kommt am 22. Februar 1865 in einer sehr wohlhabenden Familie zur Welt und wächst mit sieben Geschwistern in Oberschlesien auf. Als er das Elternhaus verlässt, schenkt ihm der Vater das Gut Rothenmoor in Mecklenburg und eine Zuckerfabrik. Außerdem heiratet der Adlige standesgemäß und glücklich die Tochter eines vermögenden Kaufmanns.

Der Freiherr kennt allerdings auch die bitteren Seiten des Daseins: Als 30-Jähriger sucht er wegen chronischer Kopfschmerzen einen Arzt in Berlin auf, kehrt aber ungeheilt zurück. Doch im CVJM Berlin hat er entdeckt, wie Jesus das Heil eines Menschen bestimmt, und ist Christ geworden.

Ab sofort wirkt sich der Glaube des Gutsherrn auf Rothenmoor aus: Das Gut wird zum Treffpunkt vieler Christen, die hier Begegnung und Seelsorge suchen. Von Tiele-Winckler lässt sein Herrenhaus um einen Saal für 200 Besucher erweitern, lädt Evangelisten ein und hält theologische Konferenzen ab. In den Gemeinschaften Mecklenburgs hat er bald mit Leitungsaufgaben zu tun, seit 1907 ist er Vorsitzender des eigenen und zugleich des benachbarten Gemeinschaftsvereins von Schleswig-Holstein. Dass er seit 1904 an einer schmerzhaften Muskellähmung leidet, schränkt seine Bewegungen ein, nicht aber den Einsatzwillen des Freiherrn von Tiele-Winckler. Im 50. Lebensjahr stirbt der Gutsherr kurz nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges im Oktober 1914.

Karl Möbius (1878-1962)

Am 27. Juli 1878 wird Karl Möbius in Leipzig geboren, und diese Stadt mit ihren zahlreichen Verlagen kommt seiner Leidenschaft für Bücher sehr entgegen. Möbius muss die Heimat nicht sofort verlassen, um seinen Traumberuf zu erlernen: Er wird in Leipzig Antiquar und Buchhändler, erst dann bildet er sich in Basel, Mailand, Florenz, London und Hamburg weiter fort. Von dort vermittelt Pastor Röschmann den 23-Jährigen an die Firma Ihloff im beschaulichen Neumünster. Die Zusammenarbeit mit seinem späteren Schwiegervater Gustav Ihloff verläuft sehr erfolgreich, Verlag und Gemeinschaftsverein profitieren erheblich von der Umsicht und dem Ideenreichtum dieser beiden Männer. In den 30er Jahren ist Möbius ein äußerst sozialer Chef für etwa 100 Mitarbeiter des Betriebes.

Mit scharfem Verstand beobachtet und kommentiert Möbius auch die politische Entwicklung. Seit 1934 Vorsitzender des Vereins, warnt er unerschrocken vor den Irrtümern und Verbrechen des Nationalsozialismus und bewahrt die Gemeinschaften davor, sich auf breiter Ebene von dieser unheilvollen Bewegung vereinnahmen zu lassen. Gegen Möbius wird daraufhin ein Schreibverbot verhängt, dem Schriftleiter diverser Zeitschriften sind damit die Hände gebunden. Stattdessen verlegt sich der Vorsitzende darauf, den Kontakt zu den Gemeinschaften durch persönliche Briefe aufrechtzuerhalten. Ein Bombenangriff zum Kriegsende vernichtet weit mehr als 5.000 Bände einer einzigartigen Bibliothek samt Archiv, die Möbius in 30 Jahren unermüdlich zusammengetragen hat. Ein anderes Lebenswerk, die „Geschichte des Evangelischen Buchhandels“, kann Karl Möbius noch fertigstellen, bevor er am 5. Mai 1962 stirbt.

Albrecht Voss (1868-1956)

Dem Aufgabenfeld seines Vaters verweigert sich der Pastorensohn sehr entschieden: Albrecht Voss, am 18. Mai 1868 als achtes Kind in einem mecklenburgischen Pfarrhaus geboren, schlägt die kaufmännische Laufbahn ein und verdient sein Geld in London. Durch seinen Londoner Chef lernt er allerdings Christen kennen, die ihm den Glauben wieder nahebringen. Dann trifft er seine spätere Frau und lässt sich von ihr zur Missionsarbeit in Indien bewegen. Kurz nach der Hochzeit 1898 reist das Ehepaar Voss aus, 17 Jahre sind die beiden Missionare im Auftrag einer britischen Missionsgesellschaft aktiv.

1915 endet der Missionseinsatz für Albrecht Voss und seine Familie: Der britischen Kolonialmacht sind die Deutschen in Indien nicht mehr willkommen, sie werden ausgewiesen und suchen in der Heimat neue Aufgaben. Die finden sich im Gemeinschaftsverein für Schleswig-Holstein: Voss wird zuerst Jugendsekretär, dann übernimmt er 1923 das Amt des Inspektors von Gustav Ihloff. Zwölf Jahre ist er im Land unterwegs, besucht Gemeinschaften und gilt als ausgezeichneter Kenner der Familienverbindungen im Land. 1935 wird der 67-jährige Voss aus Gesundheitsgründen in den Ruhestand verabschiedet, betätigt sich aber weiter ehrenamtlich als Prediger und Seelsorger. Am 21. Juli 1956 stirbt er in hohem Alter.

Johannes Goßmann (1884-1959)

Johannes Goßmann, am 9. Mai 1884 in Duisburg geboren, wird nach der Schulzeit Böttcher. In seinem Beruf befasst er sich also vornehmlich mit Hohlräumen. Doch dann wendet er sich den Inhalten zu: Als 25-Jähriger beginnt er an der Evangelistenschule Johanneum seine zweite Ausbildung. Nach verschiedenen Aufgaben im CVJM wird Goßmann von Ratzeburg aus freier Evangelist, bevor Gustav Ihloff ihn 1925 in die Arbeit des Gemeinschaftsvereins einbindet. Die Gemeinschaftsarbeit im Herzogtum Lauenburg soll er aufbauen und festigen.

Seit 1936 überträgt man Goßmann vermehrt überregionale Aufgaben: Er wird Schriftenmissionar der Firma Ihloff, Mitarbeiter des Vorsitzenden Möbius und schließlich ist er ab 1943 gleichzeitig Vorsitzender und Inspektor des Gemeinschaftsvereins für Schleswig-Holstein. In dieser Zeit trägt er die Last des Zusammenbruchs ebenso wie die Herausforderungen des Wiederaufbaus und der Neuorientierung. Erst 1947 wird ein Triumvirat gebildet, das ihn entlasten soll: Zwei Männer übernehmen Teilaufgaben seines Amtes. Diese Regelung bleibt bestehen, bis Goßmann 1950 in den Ruhestand tritt. Erschöpft von den Strapazen eines bewegten Lebens stirbt Goßmann am 22. Mai 1959.

Heinrich Uloth (1903-1976)

Als Kind pflegt er den Traum zahlreicher Jungen: Heinrich Uloth möchte Lokführer werden wie sein Vater, doch die Weichen in seinem Leben sind anders gestellt. Am 8. Januar 1903 als ältestes von zwölf Geschwistern geboren, ist Uloth zwar früh mit Leitungsaufgaben konfrontiert, doch eine Lokomotive führt er nie. Stattdessen erwarten ihn diverse Führungspositionen im kirchlichen Dienst.

Nach der Ausbildung zum Prediger wirkt Uloth zunächst im Saarland und wird dann nach Schleswig-Holstein berufen. In Elmshorn arbeitet er seit 1936 als Prediger einer großen Gemeinschaft, zusätzlich werden ihm nach dem Kriegsende Verwaltungsaufgaben im „Triumvirat“ des Gemeinschaftsvereins übertragen. Auch Inspektor des Vereins ist Heinrich Uloth für eine zwar nur kurze Zeit, die durch die Intensität seiner Arbeit dennoch tiefe Spuren hinterlässt: Mit der „Leidenschaft seines gütigen Herzens“ gelingt es ihm, die Verhältnisse der Nachkriegszeit in guter Weise zu ordnen. So lenkt er etwa den Fortgang der Firma Ihloff in hilfreiche Bahnen.

1951 verlässt Heinrich Uloth den Gemeinschaftsverein und wird Leiter der Großstadt-Mission Hamburg-Altona. Hier widmet er sich bis zum Ende seines Berufslebens den vielfältigen sozialdiakonischen Aufgaben an benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Zugleich ist er viele Jahre Generalsekretär des „Gnadauer Verbandes für Gemeinschaftspfl ege und Evangelisation“. Uloth stellt sich hier im Nebenamt einer umfangreichen Aufgabe, die ihn voll beansprucht. Nur wenige Jahre nach dem Eintritt in den Ruhestand stirbt Heinrich Uloth am 2. Januar 1976.

Alfred Korthals (1905-1997)

In verschiedenen Berufen hat er sich erfolgreich versucht, doch der Aufgabe eines hauptberuflichen Mitarbeiters im kirchlichen Dienst begegnet er mit großem Respekt. Als der zwanzigjährige Alfred Korthals, geboren am 10. November 1905, ins Predigerseminar St. Chrischona aufgenommen wird, überrascht ihn das fast. Und noch nach der Ausbildung zweifelt er an seiner Eignung. Dabei ist Korthals als Prediger und Evangelist, als Seelsorger und Musiker hochbegabt, er erweist sich zudem als charismatischer Leiter. Den Gemeinschaftsverein für Schleswig-Holstein prägt Korthals auf diese Weise unverkennbar. Durch seinen Dienst in der Jugend- und Bildungsarbeit, den er durch neue Impulse im Musikbereich ergänzt, fördert und prägt Korthals die Nachkriegsgeneration nachhaltig.

Nicht alle schätzen an Alfred Korthals, dass er zum Glauben an Jesus Christus in immer neuen Formen und Worten einladen möchte: Erst nach allerlei Hindernissen wählt man ihn 1951 zum Vorsitzenden des Gemeinschaftsvereins. Ein Jahr später wird er auch Inspektor und nutzt diesen doppelten Einfluss, um den Verein zu einem Verband umzugestalten: Die Ortsgemeinschaften führt er aus der Vereinzelung und schafft ein Bewusstsein für die überregionalen Zusammenhänge. Auch theologisch weitet er den Horizont der Gemeinschaften, ohne dabei die feste Bindung an die Wahrheit der Bibel aus dem Blick zu verlieren. Nachdem er 1973 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden ist, bleibt Korthals für viele ein gefragter Seelsorger und Ratgeber. Bis zu seinem Tod am 18. September 1997 nimmt er an der Arbeit des Verbandes regen Anteil.

Hans Repphun

Das Projekt erregt nicht ganz so viel Aufsehen wie später die Wohngemeinschaften der Kommunarden in Berlin – Beachtung verdient es trotzdem: Als Hans Repphun 1957 Prediger in Ratzeburg wird, teilt sich die Familie das knappe Gehalt und die kleine Wohnung zwei Jahre lang mit dem Kollegen Dreßler und seiner Frau. Hans Repphun, am 9. Januar 1930 in Konstanz geboren, darf später auch etwas komfortabler wohnen und leben, doch die bescheidene Grundhaltung legt er nie ab. Sehr bald wächst die Verantwortung, die im Gemeinschaftsverband auf Repphun zukommt: Er wird Prediger in Neumünster, arbeitet im Landesvorstand mit und nimmt eine Zeit lang Teilaufgaben des Inspektorats wahr, bevor man ihm dieses Amt 1972 vollständig überträgt.

Mit Fleiß und Sorgfalt arbeitet Repphun daran, den Verband nach innen und außen zu festigen: Zur Fortbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiter ruft er eine jährliche Kurzbibelschule ins Leben. Und um für Freizeiten und Begegnungen den äußeren Rahmen zu schaffen, setzt er sich gemeinsam mit einigen Predigern sehr intensiv für den Bau eines Freizeitheims ein. Das Wittensee-Zentrum kann 1981 eröffnet werden. 1993 in den Ruhestand verabschiedet, widmet Repphun sein Einfühlungsvermögen der Hospizarbeit am Wohnort. Von der präzisen Arbeitsweise des früheren Inspektors profitiert das Verbandsarchiv.

Walter Lohrmann (1929-2007)

Nicht nur wegen seiner süddeutschen Herkunft ist Walter Lohrmann eine Ausnahmeerscheinung unter den Vorsitzenden der Gemeinschaftsbewegung in Schleswig-Holstein: Er ist auch kürzer im Amt als fast alle seine Vorgänger und Nachfolger. Bei seinem Dienstantritt fällt aber vor allem auf, dass mit ihm erstmals ein akademisch ausgebildeter Theologe die Leitung des Verbandes übernimmt. Walter Lohrmann ist auf der Schwäbischen Alb zu Hause, in Geislingen wird er am 30. April 1929 geboren. Schrittweise macht er sich mit der Einsicht vertraut, dass man auch an anderen Orten leben und mit einer anderen Frömmigkeit Christ sein kann, als er es von Haus aus kennt.

Nach dem Theologiestudium ist Lohrmann eine Zeit lang in der Studentenmission tätig, bevor er Erfahrungen im Pfarramt sammelt. Hier kommt es während seiner Dienstzeit zu einer spürbaren Belebung der Gemeinde. Dasselbe gilt im Anschluss für die Kreise des Jugendverbandes „Entschieden für Christus“, für den Lohrmann als Bundespfarrer arbeitet. So erhofft man sich von Lohrmann belebende Impulse auch für die Gemeinschaften in Schleswig-Holstein, als er 1973 den Vorsitz übernimmt. Tatsächlich prägt Lohrmann als Gemeindepfarrer in Kiel einige Theologen, die heute als Pastoren und Pröpste der Nordelbischen Kirche sehr gedeihlich mit den Gemeinschaften zusammenarbeiten. Und er beginnt, das Miteinander der Generationen in den Gemeinschaften auf einer geistlichen Grundlage neu auszurichten.

Lohrmanns Dienst im Norden endet allerdings unerwartet früh, als er 1975 einer Berufung nach Berlin folgt: Eine Brennpunktgemeinde im Märkischen Viertel wird dort zum neuen Betätigungsfeld für den Schwaben. Seit dem Beginn des Ruhestandes lebte er im Sommer in Strande bei Kiel und in der kühleren Jahreszeit auf Teneriffa. Walter Lohrmann verstarb am 7. November 2007.

Nicolaus Jessen-Thiesen (1928-2012)

Abgeschieden liegt die Ortschaft Ahneby in Angeln. Hier wird Nicolaus Jessen-Thiesen am 20. Oktober 1928 geboren. Hier wächst er auf. Hier gründet er seine Familie und bewirtschaftet als Landwirt den geerbten Hof seiner Vorfahren. Hier ist er jahrzehntelang Bürgermeister. Und hierher kehrt er zurück, wenn eines seiner zahlreichen Ehrenämter ihn veranlasst hat, der Heimat für eine Weile den Rücken zu kehren. Das geschieht häufig, denn der umsichtige Sachverstand des Landwirts Jessen-Thiesen erstreckt sich bei weitem nicht nur auf Ackerbau und Viehzucht. Auch ist sein Aktionsradius weit gesteckt: Mit theologischem Urteilsvermögen und kirchenpolitischem Weitblick empfiehlt er sich nach und nach für sämtliche kirchliche Gremien vom örtlichen Kirchenvorstand bis zur Synode der Nordelbischen Kirche.

Dass er hier Vertrauen genießt, kommt dem Verband der Gemeinschaften nachhaltig zugute: Als dessen Vorsitzender arbeitet Jessen-Thiesen seit 1976 intensiv daran, die Beziehung der Gemeinschaften zur Kirche auf soliden Grund zu stellen. In der „Gemeinsamen Erklärung“ von 1977 und deren Ergänzung 1990 gelingt es, die Verbundenheit mit der Kirche zu manifestieren. Zugleich werden den Gemeinschaften darin weitreichende Freiheiten eröffnet: Insbesondere für die Praxis von Amtshandlungen gibt es seither eine verlässliche Basis. Auf den Spuren vieler seiner Vorgänger im Amt engagiert sich Nicolaus Jessen-Thiesen jahrelang auch überregional als Vorstandsmitglied im Dachverband der deutschen Gemeinschaftsbewegung. Seit 1997 legt Jessen-Thiesen alle Ämter ab. Bis zu seinem Tod am 12. Januar 2012 verfolgt er mit sehr wachem Interesse die Geschehnisse in Gemeinschaft, Kirche und Politik.